Burnout erkennen: Anzeichen und was ein Selbsttest leisten kann
Viele Menschen sagen heute, sie seien „ausgebrannt“. Gemeint ist meist eine Erschöpfung, die sich mit einem freien Wochenende nicht mehr auflöst. In diesem Artikel erkläre ich, was Fachleute unter Burnout verstehen, an welchen Anzeichen man es erkennt, was Burnout-Tests aus dem Internet leisten können und wann eine Abklärung sinnvoll ist. Grundlage sind die Definition der Weltgesundheitsorganisation, die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie zur Depression, Übersichtsarbeiten und große Studien.
Was ist Burnout?
Die Weltgesundheitsorganisation versteht Burnout in ihrer Klassifikation ICD-11 als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde [1]. Drei Merkmale gehören dazu:
- ein Gefühl von Erschöpfung und leeren Energiereserven
- wachsende innere Distanz zur Arbeit, oft verbunden mit einer negativen oder zynischen Haltung
- eine verminderte Leistungsfähigkeit im Beruf
Wichtig für das Verständnis: Burnout gilt nicht als eigene Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation führt es als „berufsbezogenes Phänomen“ in dem Kapitel, das Gründe für den Kontakt mit dem Gesundheitswesen erfasst [1]. Auch die deutsche Leitlinie beschreibt Burnout nicht als Behandlungsdiagnose, sondern als Zustand der Erschöpfung durch Überlastung im Beruf oder anderswo. Sie weist darauf hin, dass länger anhaltende Überforderung bei der Arbeit das Risiko für eine Depression erhöhen kann [2].
Woran erkenne ich Burnout?
Nach der Leitlinie gehören zu den ersten Warnsignalen meist körperliche Beschwerden; welche das sind, ist von Mensch zu Mensch verschieden [2]:
- Schlafprobleme, etwa nicht einschlafen können oder morgens zu früh aufwachen und sofort an die Arbeit denken
- Magenbeschwerden, Rücken- oder Kopfschmerzen
- eine umfassende Erschöpfung und ein Verlust an Energie, der oft erst im ärztlichen Gespräch deutlich wird
Dazu kommen die drei Merkmale aus der Definition: Die Arbeit kostet immer mehr Kraft, sie fühlt sich sinnlos oder fremd an, und die eigene Leistung lässt nach. Ein neuerer Fragebogen aus Belgien setzt etwas andere Schwerpunkte [6]. Neben Erschöpfung und Distanz zur Arbeit zählen dort zwei Merkmale zum Kern: Gedächtnis und Aufmerksamkeit lassen nach, und es fällt schwerer, Gefühle wie Ärger oder Traurigkeit zu steuern. Die verminderte Leistung gilt dort eher als Folge.
Wie häufig ist Burnout?
Das lässt sich schwer beziffern, weil es keine einheitliche Definition gibt [4]. In der bundesweiten Gesundheitsstudie DEGS1 mit knapp 8.000 Befragten gaben 4,2 Prozent an, dass eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin bei ihnen schon einmal ein Burnout-Syndrom festgestellt hatte; innerhalb des letzten Jahres waren es 1,5 Prozent [3]. Am häufigsten berichteten Menschen zwischen 40 und 59 Jahren von einer solchen Diagnose [3].
Wie stark die Zahlen von der Messmethode abhängen, zeigt eine Übersichtsarbeit über 182 Studien zu Burnout bei Ärztinnen und Ärzten: Die Studien verwendeten mindestens 142 verschiedene Definitionen, und die gemessenen Häufigkeiten reichten von 0 bis gut 80 Prozent [4].
Gibt es einen zuverlässigen Burnout-Test?
Für die Forschung gibt es mehrere Fragebögen, zum Beispiel das Maslach Burnout Inventory oder das neuere Burnout Assessment Tool [5] [6]. Sie messen, wie stark Erschöpfung, Distanz zur Arbeit und die anderen Merkmale ausgeprägt sind. Andere Fragebögen erfassen nur die Erschöpfung [5]. Einen allgemein anerkannten Grenzwert, ab dem jemand „ein Burnout hat“, gibt es aber nicht [4] [6]. Gerade beim Maslach Burnout Inventory, dem am häufigsten genutzten Fragebogen, legten Studien die Grenzen sehr unterschiedlich fest [4]. Die Fachleute, die den Fragebogen entwickelt haben, warnen außerdem davor, Burnout auf Erschöpfung allein zu verkürzen [5].
Für Selbsttests im Internet heißt das: Sie können helfen, die eigene Belastung einzuordnen und ins Gespräch zu kommen. Eine Diagnose lässt sich mit einem Fragebogen allein nicht stellen [6]. Die folgenden Fragen sind kein Test, sondern Denkanstöße, die ich aus den Merkmalen oben zusammengestellt habe:
- Fühle ich mich seit Wochen erschöpft, auch nach freien Tagen?
- Ist mir meine Arbeit gleichgültig geworden, oder denke ich zynischer über sie als früher?
- Habe ich das Gefühl, kaum noch etwas zu schaffen?
- Schlafe ich schlecht, weil mich die Arbeit nicht loslässt?
- Habe ich die Freude auch an Dingen außerhalb der Arbeit verloren?
Die letzte Frage ist besonders wichtig. Wenn die Niedergeschlagenheit nicht nur die Arbeit betrifft, sondern das ganze Leben, kann eine Depression dahinterstecken. Aber auch Beschwerden, die sich zunächst nur auf die Arbeit beziehen, können der Beginn einer Depression sein [7]. Woran man eine Depression erkennt, beschreibt der Artikel Depression erkennen.
Ist Burnout dasselbe wie eine Depression?
Nein, aber beides hängt eng zusammen. Eine Metaanalyse über 69 Studien mit zusammen mehr als 84.000 Teilnehmenden fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Burnout und Depression, der aber nicht so groß war, dass beides dasselbe wäre [7]. Die meisten dieser Studien waren Befragungen zu einem einzigen Zeitpunkt, und in methodisch besseren Studien war der Zusammenhang schwächer [7]. In 36 weiteren Studien hing Burnout etwas schwächer, aber ebenfalls deutlich mit Angst zusammen [7].
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation bezieht sich Burnout auf die Arbeit [1], während eine Depression meist alle Lebensbereiche erfasst. Ganz scharf ist diese Grenze aber nicht: Eine beginnende Depression kann sich zunächst nur in einem Bereich zeigen [7].
In der Praxis überschneiden sich die beiden oft. In der deutschen Gesundheitsstudie wurde ein Teil der Befragten zusätzlich ausführlich psychologisch untersucht. Von den Menschen mit einer Burnout-Diagnose im letzten Jahr hatten dabei 7 von 10 außerdem eine psychische Erkrankung [3]. Die Burnout-Diagnose hing vor allem mit Störungen der Stimmung wie Depressionen, mit Angststörungen und mit körperlichen Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund zusammen [3]. Die Leitlinie weist darauf hin, dass Burnout-ähnliche Beschwerden auf eine Depression hinweisen können und deshalb ernst genommen werden sollten [2].
Warum sollte ich Burnout ernst nehmen?
Eine Übersichtsarbeit hat 36 methodisch gute Langzeitstudien ausgewertet, die Beschäftigte über ein bis zwölf Jahre begleitet haben [8]. Übereinstimmend zeigte sich: Menschen mit stärkerem Burnout hatten später häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schmerzen im Bewegungsapparat und depressive Beschwerden, bekamen häufiger Medikamente gegen psychische Beschwerden und fehlten häufiger bei der Arbeit [8]. Bei Schlafstörungen und Kopfschmerzen waren die Ergebnisse uneinheitlich; andere Folgen wurden bisher nur in einzelnen Studien gefunden [8]. Diese Studien zeigen Zusammenhänge; sie beweisen nicht, dass Burnout allein die Ursache ist. Sie sprechen aber dafür, eine anhaltende Erschöpfung nicht einfach auszusitzen.
Was kann ich tun, und wann sollte ich mir Hilfe holen?
Ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch ist, wenn die Erschöpfung seit Wochen anhält, wenn Erholung nicht mehr gelingt oder wenn auch das Leben außerhalb der Arbeit leidet. Erste Ansprechpartner sind die Hausarztpraxis, die auch körperliche Ursachen prüfen kann, und eine psychotherapeutische Praxis. Dort lässt sich klären, ob eine Depression, eine Angststörung oder eine andere Erkrankung vorliegt, die gezielt behandelt werden kann.
Wie sich Burnout vorbeugen lässt und was im Alltag und am Arbeitsplatz hilft, beschreibe ich in einem eigenen Artikel, der bald erscheint.
Über die Praxis
Meine Praxis in Düsseldorf behandelt alle Formen der depressiven Erkrankung und Angststörungen, mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie und auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch. Ob hinter einer anhaltenden Erschöpfung eine solche Erkrankung steckt, lässt sich in einem Erstgespräch klären. Weitere Informationen stehen auf der Seite Angst und Depression.
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- World Health Organization (2019): Burn-out an „occupational phenomenon“: International Classification of Diseases. who.int
- Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2, 2022, Kapitel 2.4.3 „Abgrenzung Depression und Burnout-Syndrom“. doi:10.6101/AZQ/000505
- Maske U. E. et al. (2016): Prävalenz und Komorbidität der selbstberichteten Diagnose eines Burnout-Syndroms in der Allgemeinbevölkerung. Psychiatrische Praxis 43, 18–24. doi:10.1055/s-0034-1387201
- Rotenstein L. S. et al. (2018): Prevalence of Burnout Among Physicians: A Systematic Review. JAMA 320, 1131–1150. doi:10.1001/jama.2018.12777
- Maslach C., Leiter M. P. (2016): Understanding the burnout experience: recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry 15, 103–111. doi:10.1002/wps.20311
- Schaufeli W. B., Desart S., De Witte H. (2020): Burnout Assessment Tool (BAT): Development, Validity, and Reliability. International Journal of Environmental Research and Public Health 17, 9495. doi:10.3390/ijerph17249495
- Koutsimani P., Montgomery A., Georganta K. (2019): The Relationship Between Burnout, Depression, and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychology 10, 284. doi:10.3389/fpsyg.2019.00284
- Salvagioni D. A. J. et al. (2017): Physical, psychological and occupational consequences of job burnout: A systematic review of prospective studies. PLoS One 12, e0185781. doi:10.1371/journal.pone.0185781
